Vom Winde verweht

11. – 13. Januar: Wanaka ist eine lebhafte kleine Stadt am gleichnamigen See und da kann man eigentlich so richtig gut Ferien machen. Es gibt ein riesiges Angebot an Wassersportarten, wie überall auch ein grosses Netz an Wander- und Bikerouten, Heliflüge und auch Ausflüge auf die nahen Weingüter sind möglich. Jetzt ist es aber so, dass wir hier wohl unsere persönliche „Windy City“ gefunden haben. Aufgrund des starken Windes sind an dem Tag keinerlei Wassersportarten oder Bootsausflüge möglich, alles was in der Luft stattfindet kommt ebenfalls nicht in Frage (nicht dass wir das geplant hätten), biken macht bei solch heftigen Windböen auch mässig Spass und zu einer Weindegustations-Tour können wir uns nach dem Zmorge nun wirklich noch nicht motivieren. Was immer geht ist „wandern“ 😉 Wir machen uns also mal wieder auf, die Gegend zu Fuss zu erkunden, zuerst entlang des Flusses und danach flanieren wir ein wenig durchs Städtchen und nutzen die Zeit, um Wäsche zu waschen und einfach mal etwas Ferien in den Ferien zu machen. Irgendwie kommt uns die kleine Pause nach drei Wochen Reisen gar nicht so ungelegen und wir nehmen es einfach mal richtig gemütlich. Und da Wanaka auch ein riesiges Angebot an hervorragenden und stylishen Restaurants bietet, lassen wir es uns auch kulinarisch so richtig gut gehen, schliesslich muss ich ja langsam schauen, dass Yvo nach seiner bemitleidenswerten Chriesi- und Cracker-Diät und bei der ganzen Wanderei nicht aus dem Leim fällt 😂 Auf 12‘000+ Schritte kommen wir übrigens trotzdem locker…

Am Freitag ist zwar bereits wieder Abreisetag aus Wanaka, angesichts des herrlichen Sommerwetters (inkl. Hitzewarnung!), das für den Tag angesagt ist, schieben wir aber noch einen Ausflug nach Mou Waho – die grösste Insel im Lake Wanaka – ein. Der See ist ja im Vergleich zum Vortag einigermassen ruhig, die Bootsfahrt zur Insel aber dennoch ziemlich „bumpy“ und von viel Gekreische der Ladies auf dem Aussendeck begleitet. Spätestens da ist es uns auch sonnenklar, warum am Tag davor alle Bootsfahrten annulliert waren. So wie es uns sogar bei relativ ruhigem See noch hin und wieder aufs Wasser knallt, hätte es dann schon ein sehr stabiles Boot, gut gefederte Stossdämpfer im Rücken und einen robusten Magen gebraucht, um das gleiche Abenteuer bei rauher See in Angriff zu nehmen. Auf der Insel angekommen machen wir uns voll motiviert direkt an den Aufstieg zum Aussichtspunkt, der zu diesem Zeitpunkt noch gut 200m über unseren Köpfen thront. Wir haben genügend Zeit und dank der noch angenehmen Vormittagstemperaturen ist der Aufstieg nicht ganz so schweisstreibend (zumindest für die Hälfte von uns 😅) und Yvo‘s Bronchien sind zumindest einigermassen wieder belastbar. Wir werden mit einer fantastischen Aussicht belohnt und geniessen die Zeit auf dem Felsen mit herrlichem Blick auf die Seen, Berge und in alle Himmelsrichtungen. Es ist aber auf allen Seiten steil abfallend und manchmal kann man fast nicht zuschauen, wie sich ein paar Gstabi-Touristen auf diesen Felsen verhalten, am Ende geht aber alles gut und wir nehmen den Abstieg in Angriff und merken erst da so richtig, wie weit wir eigentlich hoch gekraxelt sind…

Auf der anschliessenden Fahrt über die Crown Range Road Richtung Queenstown zieht sich die schöne und so ganz andere Landschaft, wie wir sie z.B. von der Westküste gewohnt sind, weiter. Und das Motto „ der Weg ist das Ziel“ gilt da fast überall. Man (also ich) hat sowieso immer das Gefühl, man müsse an jeder Ecke stoppen! Aber erstens ist die Strecke echt kurvig (da ist jetzt die Passstrasse, so wie wir sie eigentlich am Haast Pass erwartet hätten) und es ist wirklich nur an den dafür vorgesehenen Plätzen möglich resp. sinnvoll, anzuhalten, ohne einen Crash zu riskieren, und mein Fahrer ist ja heimlich ganz froh, dass er nicht alle paar Meter „stop-and-go“ machen muss, auch wenn er das natürlich nie zugeben würde… Mit Arrowtown gibt es ein paar Minuten vor Queenstown noch einen historischen Ort aus den Goldgräberzeiten, dessen Charakter sich bis heute sehr gut gehalten hat und der auch nicht – wie viele andere – zur Geisterstadt verkommen ist. Ich weiss nicht, an wie vielen Goldgräberorten wir auf der Südinsel schon vorbeigefahren sind und bisher habe ich Yvo immer „verschont“, aber dieser hier tönt irgendwie reizvoll. Dass es da aber sooo viele Touristen gibt, dass wir trotz gefühlt Hunderten von Parkplätzen keinen einzigen freien finden, hätten wir dann doch nicht gedacht. Irgendwie scheinen die da nebst den ganzen Selbstfahrern auch noch ganze Busladungen mit Asiaten hinzukarren (ob es am Dorfteil „Chinese Settlement“ liegt?)… Yvo‘s Begeisterung hält sich dann erst auch ziemlich in Grenzen, nachdem wir dann aber doch noch einen Parkplatz finden und durch das ziemlich hübsche Dorf schlendern, passt es dann doch mit diesem Abstecher. Tja, wäre er der Guide und ich der Fahrer, wir würden wohl nur halb so viele Stopps einlegen 🤷‍♀️

Unser nächster Stopp ist dann in Queenstown, auch bekannt als Neuseeland‘s Mekka für Abenteuersportarten. Da Nahtoderfahrungen nun nicht gerade zuoberst auf unserer Aktivitätenliste stehen und der Tag auch schon ziemlich fortgeschritten ist, belassen wir es bei einem kurzen Bummel durch die Stadt. Diese ist zwar zwischen Bergen und See wunderschön gelegen (aussen hui), allerdings von Abenteuersportarten-Anbietern, unzähligen Läden mit weltbekannten Brands und wahnsinnig vielen Touristen auch extrem überlaufen (innen eher pfui), weshalb wir schon bald unsere letzte kurze Strecke entlang des Lake Wakatipu unter die Räder nehmen. Und diese hat es in sich, nicht umsonst gilt diese als einer der schönsten Roadtrips Neuseelands, führt ja schliesslich auch ins Paradies (mehr dazu später). An Palmen (oder palmenähnlichen Bäumen) vorbeizufahren, mehrheitlich am Ufer des Lake Wakatipu entlang, wenn gleichzeitig die schneebedeckten Berge im Hintergrund erscheinen, ist einfach nur schön (und mir gehen langsam die entsprechenden Adjektive aus 😉).

Zu Glenorchy, unserem heutigen Etappenziel, gibt es auch noch eine kurze Geschichte: Bei der Planung unserer Weltreise (also irgendwann im Jahr 2019) bin ich wohl beim Lesen eines Reiseblogs über die Berichterstattung zu einem relativ neu eröffneten Öko-Camp auf Neuseeland‘s Südinsel gestolpert. Und genau dann habe ich beschlossen, dass ich da unbedingt mal übernachten möchte – im Camp Glenorchy. Nun ja, die Geschichte mit unseren Weltreiseplänen kennt ihr ja, aber das Camp habe ich nicht vergessen und beim Planen unserer aktuellen Reise deshalb logischerweise mit integriert. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass es sich um ein relativ einfaches Camp handelt (Öko und so halt…), allerdings hat es uns bei der Ankunft gestern dann doch wieder fast aus den Socken gehauen (ok, zumindest mich). Es ist aber wirklich toll, cooles Design, brauchte vier Jahre Bauzeit, keine Ahnung warum, aber es wurden viele wiederverwertbare Materialien wie Schwemmholz oder Holz-Überreste vom verheerenden Erdbeben in Christchurch beim Bau verwendet. Zudem wird extrem drauf geachtet, sparsam mit Ressourcen umzugehen (zum Beispiel mit einem Öko-Klo – das ist dann eine Geschichte für Yvo‘s nächsten Beitrag – und begrenzter Dusch-Zeit) und die Küche verwendet so weit als möglich lokale und saisonale Produkte. Aber was für eine Küche… Ich hatte eigentlich fast die Vermutung, dass wir hier mal wieder selbst kochen (müssen), nun gibt es da aber einen jungen Koch, der ganz hervorragende 3-Gänge-Menüs zaubert, und das lassen wir uns natürlich nicht entgehen, wenn wir das quasi direkt vor der Zimmertür geboten kriegen… Nur soviel, das Abendessen war erste Sahne, das angepriesene 3-Gänge-Menü bestand am Ende aus sechs Gängen und alles war sehr fein und total entschleunigt. Bei freier Auswahl hätten wir wohl nicht alles, was auf dem Menü stand, so bestellt, wurden dann aber wieder mal extrem positiv überrascht und das Essen war durch und durch ein Highlight. Das Abendessen hat denn auch drei Stunden gedauert, die Portionengrössen waren perfekt, ohne dass wir danach aus dem Resti kugeln mussten, und wir haben für heute Abend wieder einen Tisch gebucht 😊

Da die ganzen Kalorien auch wieder abtrainiert werden wollen, ist für heute – ihr ahnt es schon – eine Wanderung geplant. Wir werden dann auch von freundlichem Wetter begrüsst, allerdings kommt auch der Wind schon wieder hallo sagen, und das nicht zu knapp. Die Wetter-App warnt dann auch vor heftigen Böen, wir lassen uns aber (noch) nicht von unseren Plänen abhalten. Der Routeburn-Track ist eine 3-Tages-Wanderung und zählt zu den schönsten Mehrtageswanderungen Neuseelands. Sein Start befindet sich quasi vor unserer Haustüre und es lassen sich auch nur kürzere Etappen davon in weniger Zeit absolvieren. Wir fahren also Richtung Parkplatz, stoppen zwischendurch mal für Fotos und spätestens als mir beim Aussteigen für ein Foto meine Dächlikappe mit Spitzengeschwindigkeit vom Kopf und direkt in den Fluss geweht wird – leider ohne Aussicht auf Rettung – müssen wir den ursprünglichen Plan im wahrsten Sinne des Wortes abblasen. „Vom Winde verweht“ scheint nicht nur das Motto meiner Dächlikappe zu sein, sondern begleitet uns auch für den Rest des Tages und es bläst wirklich zu fest… Richtung Berge (wo wir hinwollen) ist auch deutlich schon der Regen sichtbar, und wir entschliessen uns stattdessen zu einem Ausflug ins Paradies. Konkret fahren wir nach „Paradise“, einem Ort etwas ausserhalb von Glenorchy. Also eigentlich zu einer Ortstafel – sonst gibt’s da eigentlich nichts zu sehen, aber die Ortstafel ist cool 😉 Spätestens als sich die Teer- in eine Schotterstrasse verwandelt, sehe ich Yvo an, dass er sich innerlich denkt, was ich denn nun schon wieder für komische Ideen habe. Ausserdem sind wir uns nicht ganz sicher, ob unser Autovermieter nicht gesagt hat, dass wir keine Schotterstrassen befahren dürfen, haben wir bisher aber erst zweimal gemacht – ehrlich… Die Fahrt ist aber sehr schön und lohnt sich nur schon deshalb, und in Yvo wird die Abenteuerlust geweckt, weshalb er sich auch nicht von der Fahrt durch ein kleines Bachbett zum Umkehren verleiten lässt. Und – wir waren immerhin kurz im Paradies 😂 Sind wir gefühlt immer noch!

Um uns dann doch noch etwas zu bewegen, nehmen wir den Track, der rund um Glenorchy führt, unter die Trekkingschuhe. Ist ganz hübsch, nicht ganz so windig wie ausserhalb des Ortes und wir gönnen uns danach einen Kaffee im herzigen Dorfladen, der von Touristen geradezu geflutet wird, aber auch sehr schön gemacht ist und ein leckeres Angebot an Kaffee und feinen Snacks bietet. Und dann ist es soweit, die ersten Regentropfen erreichen auch Glenorchy und da wir ja eine wunderschöne Unterkunft haben, ist es keine grosse Strafe, da etwas Zeit zu verbringen. Gleichzeitig kann ich euch mit ein paar Zeilen beglücken… Ok, sind ein paar mehr geworden…

Morgen geht‘s dann weiter zum Doubtful Sound, wo wir eine Übernachtung auf dem Boot geplant haben und wir freuen uns aufs nächste Abenteuer…